Buch

Uninspirierte Bücherstapel oder Wo sind die Liebhaber gut gemachter Bücher?

Bei den Buchhandlungen, so sind sich Branchenexperten weitgehend einig, findet eine heftige Ausdünnung statt. „Vor zwanzig Jahren schätzte man die Zahl der Sortimentsbuchhandlungen, die das sogenannte gute Buch pflegten, auf achthundert; heute würden nicht einmal Optimisten auf die Hälfte dieser Zahl kommen“, schreibt etwa Hannes Hintermeier in der FAZ vom 17. März 2010. Gleichzeitig steigern die großen Buchhandelsketten stetig ihren Marktanteil. Was ist hier los, was sind die Hintergründe?

Nachdem immer wieder zu hören ist, dass der Umsatz mit Büchern nicht rückläufig ist, sondern eher noch steigt, dürfte hinter den Gründen für diese Entwicklung vor allem die Kunden stecken, die sich zumeist vom Auftritt der großen Ketten (Bücherstapel der gängigen Massenware und Wühltische) beeindrucken lassen und damit zufrieden scheinen. Besonders in ländlichen Regionen ist das Aussterben der kleinen Buchhandlungen angeblich bereits weit fortgeschritten. Einher geht auch der Machtzuwachs der Zwischenhändler, sogenannter Grossisten, die mittlerweile den Buchhandel mit sich immer ähnlicher werdenden Sortimenten versorgen.  Kleinere Verlage haben es dadurch schwerer, wahrgenommen zu werden. Die Vielfalt droht verloren zu gehen.

Wie kann man gegensteuern?
Zunächst muss man sehen, dass die Situation besonders in kleinen Verlagen und Buchhandlungen nicht einfach ist. Nachhaltig ließe sich das Schrumpfen der Buchhandels-Vielfalt und damit letztlich auch der Verlags-Vielfalt wohl nur ändern, wenn mit Hilfe neuer Marketingideen, etwa über das Internet, auch kleinere Buchhandlungen es schaffen, sich ihr Publikum zu erarbeiten, etwa durch besondere Aktionen, wie Lesungen etc. Dies dürfte in den städtischen Ballungszentren, wo es tendenziell mehr Kulturangebote gibt und daher die Konkurrenz größer ist, nicht unbedingt leichter sein, als auf dem Land. Ähnlich haben es kleine Verlage schwer, sich heute noch genügend Aufmerksamkeit für ihre Neuerscheinungen zu sichern. Das Ganze scheitert in der Praxis in den allermeisten Fällen an fehlender Manpower und an knappen Ressourcen. Daher ist auf diesem Weg keine wirklich Besserung der Lage in Sicht.

Wie sieht es mit staatlicher Unterstützung aus?
Die Buchpreisbindung sowie der reduzierte Mehrwertsteuersatz für Bücher sind von staatlicher Seite bereits Instrumente zur Pflege des Kulturguts Buch. Mittlerweile werden Forderungen laut, der Staat solle – ähnlich wie bei Programmkinos – mit einem Prämiensystem unabhängige Buchhandlungen fördern (siehe etwa Stefan Weidle in der FAZ vom 1. April 2010). Verwiesen wird dabei auf Frankreich, wo es ein solches Verfahren bereits gibt. Neben Steuererleichterungen gibt es für die dortigen Buchhandlungen, die ein Prüfverfahren bestehen, auch eine Art Gütesiegel, das an der Ladentür angebracht werden kann. Es dürfte allerdings schwierig sein, so etwas in Deutschland durchzusetzen, da hierzulande alle öffentlichen Kulturausgaben derzeit unter einem besonderen Spardruck stehen.

WO SIND SIE, DIE LIEBHABER GUT GEMACHTER BÜCHER?

Wenn vielen Verlagen und Buchhändlern das Wasser schon bis zum Hals steht und auf staatliche Hilfe nicht zu hoffen ist, bleibt nur noch eine Möglichkeit: der Kunde! Jeder kann schließlich selbst entscheiden, wo er seine Bücher kauft.

Deswegen gilt es meiner Ansicht nach, kleinere Buchläden zu unterstützen und die nächste Buchhandelskette unbedingt zu meiden! Wer will schon die gesichtslosen uninspirierten Bestseller-Bücherstapel-Flure durchlaufen und immer auf das ewig Gleiche stoßen. Wenn dann noch statt gelernter Buchhändler bloß Verkäufer Bücher empfehlen, die die Geschäftsleitung quasi aufdiktiert, da sie gute Umsatzbringer darstellen, dann ist das wahrlich kein Qualitätskriterium.

Kleinere Buchläden haben oft viel stärker kulturell wertvolle Bücher im Sortiment. Darüber hinaus gibt es dort oft auch noch fachkundige Beratung. Bestellt wird in der Regel jedes Buch ohne zu murren.

Wer zudem noch ein wenig abschreckende Lektüre in Sachen große Buchhandelsketten möchte, dem sei in diesem Zusammenhang ein Artikel der Süddeutschen Zeitung vom Oktober 2009 unter dem Titel „An der Kette“ empfohlen. Darin wird unter anderem der dreiste Umgang der Buchhandelskette Thalia mit den Verlagen geschildert. Die Konditionen werden bis in Bereiche gedrückt, die finanziell wehtun und geschildert wird auch, dass Verlage Geld zahlen können, um etwa eines ihrer Bücher bei Thalia als „Buch des Monats“ angepriesen zu bekommen. Fazit des SZ-Artikels: Das Buch wird immer mehr ausschließlich betriebswirtschaftlich als Ware gesehen und eben nicht als Kulturgut.
Eine sehr schöne Passage in besagtem SZ-Artikel  ist die Stelle, an der ein gestandener Buchhändler sagt, er stelle auch Johnsons „Jahrestage“ ins Schaufenster, auch wenn sie sich nicht so oft verkaufen und auch wenn sie in der keine fünfhundert Meter entfernten Thalia-Filiale nicht im Laden stehen. „Und trotzdem muss man sie haben“, sagt der Buchhändler lächlend.  „So etwas gehört zur Seele eines Buchladens. Wir haben eine Seele. Thalia hat keine.“

P.S. Aufschlussreich zu dem Thema  ist auch ein Artikel, der am 12. Oktober 2009 in der ZEIT erschienen ist. Darin schildert ein junger Soziologe seine Erfahrungen bei der Arbeit an einem vermeintlichen Bestseller – Motto: Wir brauchen unbedingt einen provokanten und reißerischen Titel.

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Ein Gedanke zu “Uninspirierte Bücherstapel oder Wo sind die Liebhaber gut gemachter Bücher?

  1. Große Handelsketten und große Verlage befruchten hier einander; den großen Verlagen geht in Sachen Rabatt nicht so schnell die Luft aus, daher sind sie wesentlich präsenter am Markt und auf Augenhöhe positioniert. Die große Konkurrenz für den Handel kommt nur von Seiten Amazon & Co. Auch die haben’s drauf, die Preise zu drücken bis zur Schmerzgrenze.

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