Theater

Replik auf Peter Kern: Das Theater muss scheitern können – Warum die Stadttheater am Ende sind

Der Schauspieler und Regisseur Peter Kern hat in der Fankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. Mai einen wunderbar kontroversen Artikel unter dem Titel „Das Theater schafft sich ab“ geschrieben. Darin wirft er den Bühnen vor, keine Grenzgänge mehr zu wagen und sich vom Erfolgsdruck die Phantasie kaputt machen zu lassen.  Ich habe lange nichts so Treffendes über die deutsche Theaterlandschaft mehr gelesen.

Kern analysiert den Zustand der staatlichen Bühnen. „Ich habe mich aus dem Stadttheater zurückgezogen, weil das Theater auf Erfolg subventioniert wird. Dabei sind Subventionen da, um Grenzgänge zu wagen, das Scheitern als Qualität zu sehen. Der Erfolgsdruck entmachtet die Phantasie“, schreibt er und trifft damit genau die wunde Stelle des Stadttheaterbetriebs, wie er sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz in der überwiegenden Zahl etabliert hat.

Durch die ökonomischen Sparzwänge will niemand mehr ein Wagnis eingehen. Die Theaterleiter im Land haben offenbar permanent das Gefühl, sich für Subventionen rechtfertigen zu müssen. Statt künstlerische Visionen zu verteidigen, wird immer häufiger ein erwartbares Programm serviert – möglichst ohne Wagnis und Überraschung. Der Druck der Politik muss offenbar riesig geworden sein. Auch Kern beobachtet: „Das Management schreit nach Stars. Die Wiener lieben ihre Stars. Nur wenige Schauspieler gehen noch zusammen nach der Vorstellung einen „saufen“ und reden über den Abend. Heute Wien, morgen Berlin, übermorgen Zürich. Theaterstars sind Flugmeilensammler. Nicht selten sprechen sie dann den falschen Text am falschen Ort.“

Ich kann Kern nur zustimmen, wenn er sagt: „Das Theater heute hat sein Geheimnis verloren. Der letzte Freiraum ist fremdbestimmt. Finanzielle Zwänge, von der Politik vorgegeben, verharmlosen das Theater. Das Theater ist nicht mehr der Vordenker einer Gesellschaft, es kommt zu spät und wird belächelt.“ Das ist die große Falle, in die fast jeder Theaterintendant in Deutschland tappt. Die Theater marginalisieren sich selbst – und zwar durch ihre falschen Strategien. Es geht nur noch um Auslastung und darum, den Spielplan aufzublähen, die vermeintlichen Stars aufzubieten, um bei Stadt und Land ein gutes Standing zu haben.

Warum tritt denn niemand in den Theatern eine Debatte über den Sinn von Subventionen los? Es wird völlig vergessen,  wozu Subventionen auch da sein könnten statt einer vermeintlichen Kulturelite intellektuelle Unterhaltungskost zu präsentieren: Zum Experiment, zum Wagnis, zum Versuch und natürlich auch zum Scheitern. Scheitern muss zum Theater notwendigerweise dazu gehören. Aus dem Scheitern lässt sich viel mehr lernen, als aus dem schnellen Erfolg. Ich kann mir den Aufschrei und die Gerüchte gut vorstellen, nachdem Birgit Minichmayer in Wien hingeworfen hat. Aber wie viele Leute im Theaterbetrieb haben noch so viel Rückgrat? Und wie viele können sich so einen Schritt leisten ohne gleich ihre Karriere zu gefährden?

Dadurch dass sie nicht selten wie Fürstenhöfe geführt werden mit einer furchtbaren zwischenmenschlichen Brutalität und Verachtung, fehlen den Stadttheatern junge, intelligente, ambitionierte Kräfte – sowohl bei den Schauspielern als auch im sonstigen künstlerischen Betrieb. Es fehlt frisches Blut. Eine der wenigen kleinen Frischzellenkuren für das Stadttheater in der vergangenen Zeit war Rimini Protokoll. Obwohl sie aus der Off-Theaterszene kommen (der einzige Ort, an dem kreative Theaterimpulse heute überhaupt noch stattfinden), haben sie sich nicht gescheut, auch an Stadttheatern ihre Stücke zu zeigen. Dadurch locken sie – als eine der ganz wenigen Ausnahmen – auch Menschen in die Theater, die sich sonst nie zu einem Besuch entschlossen hätten.

Wann brechen die Stadttheater endlich ihre Verkrustungen auf und lassen die Phantasie auf die staubigen Probebühnen zurückkehren? Ich fürchte Verwaltungsbetriebe lassen sich nur äußerst schwer umgestalten. Es bleibt also nichts – so schwer mir diese Forderung auch fällt – als die Schließung aller Stadttheater in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu fordern. Steckt alle Subventionen stattdessen in die Off-Theater-Szene! Dann haben wir endlich mal wieder anregendes, experimentelles, scheiterndes Theater. Schlingensief war seiner Zeit offenbar um einige Jahre voraus.

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